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Zwischen Gestern und Morgen

Seit 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union, für die Landwirtschaft unseres östlichen Nachbarn begann damit eine Zeit der großen Umbrüche. Was sich alles in dieser Zeit getan hat, berichtet unser Autor Dierk Jensen.

Interview

Die Beunruhigung über landwirtschaftliche Praktiken führt zunehmend zu Konflikten.“

André Torre ist Spezialist auf den Gebieten der Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie und Forschungsdirektor des nationalen Instituts für Agronomieforschung (INRA) in Frankreich. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Frage von Nutzungs- und Nachbarschaftskonflikten. Interview: Adrien Leroy.

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Gibt es denn eine Zunahme der Konflikte zwischen Landwirten und ihren Nachbarn?

Konflikte zwischen Landwirten und deren Nachbarn sind kein neues Thema. Historische Statistiken zeigen allerdings, dass diese eigentlich gar nicht so häufig waren. Dass zugezogene Landbewohner etwa über nächtliche Feldarbeiten klagen oder kein Verständnis für landwirtschaftliche Tätigkeiten zeigen, wird oft bedauert, tatsächlich sind solche Spannungen aber die Ausnahme. Und in den letzten Jahren blieb die Anzahl dokumentierter Konflikte stabil. Das eigentliche Problem ist anders gelagert und besteht nicht zwischen den Landwirten und den anderen Bewohnern des ländlichen Raums, sondern zwischen den unterschiedlichen Arten der Flächennutzung. Und dort besteht ein erhebliches Konfliktpotenzial. Insbesondere, wenn es darum geht, dass Flächen beansprucht werden, um Häuser, Anlagen zur Energieerzeugung, Autobahnen usw. zu bauen. Dafür werden Flächen benötigt, bei denen es sich häufig um zuvor landwirtschaftlich genutzte Flächen handelt.

Sie sprechen vom „Mythos der Auseinandersetzung zwischen Landwirten und zugezogenen Städtern“. Dennoch kommt dieser Konflikt in den Aussagen der Landwirte immer wieder zum Ausdruck. Warum?

Wir müssen uns darüber klar werden, was als „Konflikt“ zu verstehen ist. Natürlich kann es zu Spannungen kommen, zu Reibereien und Unstimmigkeiten, aber daraus erwachsen nur sehr selten echte Konflikte. Von einem Konflikt spricht man, wenn es vor Gericht geht, wenn es zu Demonstrationen oder womöglich sogar gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Die Auseinandersetzung zwischen zugezogenen Städtern und Landwirten wurde von den Medien längst hochgespielt, weil sich daraus eben interessante Meldungen machen lassen. Aber die tatsächlichen Zahlen geben das nicht her. Mit einer Ausnahme allerdings: Seit einigen Jahren ist eine Beunruhigung über gewisse landwirtschaftliche Praktiken spürbar, die zunehmend zu Konflikten führt.

Können Sie das präzisieren?

Die Landwirte hatten früher ein sehr gutes Image, was mit dem allgemein positiven Bild dieser Berufsgruppe, des ländlichen Raums usw. zusammenhing. Dieses Image trübt sich zurzeit etwas ein. Auch unter der Landbevölkerung verändert sich die Sichtweise. Es verbreitet sich das Gefühl, dass die Bevölkerung durch die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden Gefahren ausgesetzt wird. Es finden Demonstrationen statt, die Medien berichten über diesen Themenbereich, und immer häufiger werden die Gerichte bemüht. Das ist etwas ganz Neues. Und ich denke, dass dieser neue Konflikt fortbestehen wird. Es gibt ein wachsendes Interesse für das Thema und neue Umwelt- und Gesundheitsfragen rücken in den Fokus der Aufmerksamkeit. So ist das Thema Luftverschmutzung derzeit sehr stark in der Öffentlichkeit präsent, während die Diskussion um die Bodenbelastung vor allem von Spezialisten geführt wird. Es ist aber vorhersehbar, dass das Thema Bodenbelastung in Zukunft immer mehr in den Fokus geraten und zu neuen Problemen im nachbarschaftlichen Zusammenleben führen wird.

Wie könnten die Konflikte im ländlichen Raum entschärft werden?

Ich muss sagen, dass eine tatsächliche Lösung der Konflikte selten und schwierig ist. Häufig stellt man fest, dass ein Lösungsversuch dazu führt, dass anderswo neue Konflikte entstehen. Und am Ende findet man sich in einem Szenario nie enden wollender Konflikte wieder, wie im Fall des Flughafens Notre-Dame-des-Landes in Frankreich. Der einzige erfolgversprechende Ansatz besteht meiner Meinung nach darin, bereits im Vorfeld aktiv zu werden und durch Verhandlungen und Gespräche mit den Betroffenen gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Ein Beispiel: Wenn ich einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 1.000 Kühen eröffnen will, ohne vorher mit der Bevölkerung zu kommunizieren, werde ich mit meinem Vorhaben keinen Erfolg haben. Wenn man dagegen vorher mit den Anwohnern spricht und für seine Planungen – nicht nur im buchstäblichen Sinne – den Boden bereitet, kann man durchaus zu Kompromisslösungen kommen.

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