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Smart Grasen

Smart Grasen

Auf dem Versuchsgut Lindhof der Universität Kiel wird zur Weidehaltung von Milchkühen geforscht. Nicht erst seit dem extremen Verfall der Milchpreise gilt diese als Alternative zur teuren Stallhaltung. Unter anderem entwickeln die Wissenschaftler eine App für verbessertes Weidemanagement. Text: Klaus Sieg

Fast wie Rehe sehen sie aus, mit ihren großen, dunklen Augen, dem braunen Fell und dem zarten Körperbau. „Sie sind wahre Schönheiten auf vier Beinen.“ Ralf Loges stellt sich an den Zaun. Schnell kommen die Kälber angallopiert, schnuppern an seinen Händen. „Die Tiere sind sehr neugierig, zutraulich und intelligent, zudem die einzigen Rinder, die länger rückwärtsgehen können.“

Das Jerseyrind hat es dem wissenschaftlichen Leiter des Lindhofes in Schleswig-Holstein offensichtlich angetan. So sehr, dass er für das Forschungsprojekt ökoeffiziente Weidemilcherzeugung, das seit neuestem auf dem 150 Hektar großen Versuchsgut für ökologischen Landbau der Universität Kiel läuft, sogar mit dem Songtitel ‚Jersey Girl’ wirbt. Dieses Lied, das Tom Waits geschrieben und Bruce Springsteen bekannt gemacht hat, handelt von der Liebe zu einem unschuldigen Mädchen vom Lande. Das passt.

Aber natürlich hat die Jersey Kuh viel mehr zu bieten, als Schönheit und Unschuld: Ihre Milch ist mit 5,7 Prozent sehr viel fetter und mit 4 Prozent auch eiweißreicher, als die einer Schwarzbunten. Das macht sie geeignet für die Verarbeitung zu Käse und Butter. Eine Jersey Kuh ist zudem sehr fruchtbar, und ihre jährliche Abkalbung lässt sich leichter steuern. „Der Bauer kann die ganze Herde in einem sechswöchigen Block kalben lassen, das erspart seinem Betrieb viel Stress, der ansonsten über das ganze Jahr läuft.“

Das preiswerteste Futter

Vor allem aber ist sie besonders gut für Weidehaltung geeignet. „Bei einer modernen Schwarzbunten können sie ja nicht einfach die Stalltür aufmachen.“ Dazu sind die Milchtiere zu sehr auf Leistung gezüchtet und brauchen entsprechend energiereiches Futter. Das Jersey Rind dagegen gilt als die effizienteste Rasse für die Umsetzung von Gras in Milch und kann die überwiegende Zeit des Jahres auf der Weide stehen.

„Wir versuchen mit der Weidehaltung eine inzwischen für Deutschland sehr ungewöhnliche Form der Milcherzeugung weiter zu entwickeln und auf ökonomische und ökologische Tauglichkeit zu testen“, so der Wissenschaftler weiter.

Damit die Kühe auch satt werden, wächst auf der idyllischen Weide hochwertiges Gras, in dem Weiß- und Rotklee blühen. Das Gras enthält die Energie zur Milchbildung, die Kleearten, die wie die Sojabohne Leguminosen sind, sorgen für das nötige Protein. Das Summen tausender Bienen und Hummeln zeigt aber auch eindrucksvoll, dass der Klee noch etwas anderem zuträglich ist: der Biodiversität. Das freut besonders den Imker des Hofes, der nicht mehr gleich nach der Rapsblüte beim Discounter Zucker kaufen muss, um seine Bienen satt zu bekommen.

Aber was nutzt das dem Milchbauern? „Die Weide ist nicht nur das natürlichste sondern auch das preiswerteste Futter für Rinder“, sagt Ralf Loges. Bei dem typischen System konventioneller Milcherzeugung in Schleswig-Holstein wird auf die Höchstleistung des einzelnen Tieres gesetzt. Die Konsequenzen daraus sind eine kurze Leistungsperiode von 2,4 Jahren im Schnitt und ein Anteil von einem Drittel Kraftfutter an der Gesamtration, was immerhin fast zweieinhalb Tonnen pro Jahr und Kuh sind. Das übliche Kraftfutter aber besteht aus Getreide-, Raps- und Sojaschrot, letzteres meist produziert in Brasilien oder Argentinien, häufig auf Kosten von Regenwaldflächen und mithilfe gentechnisch veränderter Sorten. Für den Anteil Sojaschrot in ihrem Kraftfutter verbraucht eine Milchkuh pro Jahr die Produktion eines Viertelhektars in diesen Ländern.

Der Preis dafür und auch der für das einheimische Getreide wird auf dem Weltmarkt ermittelt und ist in der Regel über doppelt so hoch wie der für Weidefutter. Für einen Energiegehalt von 10 Megajoule rechnet man bei Kraftfutter 47, bei Maissilage 25 Eurocent. „Bei der Weide kann er deutlich unter 20 Eurocent liegen“, erklärt Ralf Loges.

Auf den Lindhof werden die Tiere möglichst lange für die Milchproduktion genutzt, aus ethischen und ökonomischen Gründen. Und eine Jersey-Kuh kommt hier mit 300 Kilogramm Kraftfutter pro Jahr aus. Das stellt der Bioland-zertifizierte Hof auch noch aus selbst erzeugtem Getreide und eiweißhaltigen Lupinen her.

Verlerntes Weidemanagement

Voraussetzung für die Weidehaltung ist ausreichend Land in Hofnähe. „Das ist bei den meisten Betrieben in Schleswig Holstein vorhanden“, sagt Ralf Loges. Das Problem aber ist: Eine Weide bringt neun Tonnen Trockenfutter pro Hektar und Jahr. Mais dagegen 15 bis 16 Tonnen. Daraus resultiert ein hoher Bedarf an Flächen für die Weidewirtschaft. Dafür wächst die Weide aber auch dort, wo Getreide und Mais nicht gedeihen. Zudem müssen Biobetriebe sowieso mit Leguminosen wie Klee oder Lupinen ihren Böden ausreichend Stickstoff zuführen. Jedes vierte Feld im Ökoanbau ist mit Kleegras bewachsen. Viele von diesen Landwirten sind aber auf Getreide spezialisiert und können damit nichts anfangen. Vielleicht könnten Kooperationen mit Milchviehbetrieben diesen Leguminosen einen zusätzlichen Wert geben.

Das Wissen aber, wie die Tiere am besten auf der Weide zu halten sind, ist vielerorts verloren gegangen oder nicht wissenschaftlich untermauert. Auf dem Lindhof entwickelt man deshalb zum Beispiel ein für die verschiedenen Landschaftstypen Schleswig Holsteins passendes Weidemanagement. Mithilfe der App Smart Grazing, die Wetterdaten, Graslängen, Bodenqualität und andere Faktoren berücksichtigt, soll der Milchbauer möglichst effizient seine Weide nutzen.

Als Beispiel dient Irland. Irische Bauern produzieren, ebenso wie ihre Kollegen in Neuseeland oder Australien, dank einer ausgeklügelten Weidehaltung einen Liter Milch für zwanzig Eurocent. Eine Schwarzbunte in Schleswig Holstein im ganzjährigen Stallbetrieb braucht dafür im Durchschnitt 35 Eurocent.

Die Suche nach der perfekten Saatmischung

Die Suche nach der perfekten Saatmischung

Mit einem Grasmessgerät marschiert Ralf Loges über eine der duftenden Weiden. Mit ihm ermittelt er die durchschnittliche Höhe des Grases. So weiß er, wie viel Trockenmasse auf der Weide steht und wann die Herde das nächste Mal dorthin getrieben werden kann. Oder wann das Gras siliert werden muss, wenn die achtzig Kühe nicht mehr hinterher kommen, so wie im Mai oder Juni.

Auch ermitteln die Wissenschaftler des Lindhofes, wann die Halme die richtige Höhe zum Grasen haben. „Früher hat man das Gras Stiefel hoch stehen lassen, heute lassen wir es nur etwa zehn Zentimeter wachsen.“ Diese Höhe rupfen die Tiere mit einem Biss. So bleibt weniger stehen, weniger wird niedergetrampelt. Zudem können die Tiere das junge Gras besser verdauen und produzieren weniger Methan, als wenn ihr Pansen ältere Halme mit mehr Energieaufwand zersetzen muss. So lässt sich der Klimagas-Abdruck der Weidemilch verbessern.

Auch forscht das Lindhof-Team zur Zusammensetzung der Grasarten, wie diese sich entwickeln und welche am besten nachgesät werden. Dafür werden regelmäßig auf genau kartierten Arealen Proben entnommen. Dann werden die Halme sortiert, bestimmt und ausgezählt: Welche Grassorten haben sich durchgesetzt? Wie hoch ist der Anteil Klee am Gras? Wie entwickelt sich das unter Beweidung - und wie ohne? Vor allem welche Veränderungen der Abbiss auf die Grassorten hat, ist interessant. So wird die Tauglichkeit verschiedene Saatmischungen getestet. „Mit Hilfe dieser Informationen wollen wir Saatmischungen entwickeln, die der Landwirt nachsäen kann“, erklärt Ralf Loges. Wichtig zu wissen ist auch, in welchen Abständen die Weide am besten begrast wird, ob alle drei, vier oder sechs Wochen. Zudem geht es darum, exakt zu ermitteln, welchen potentiellen Ertrag eine Weide hat und was die Kuh daraus macht. Zusätzlich werden auch verschiedene Wiesenkräuter, wie Wegwarte, Spitzwegerich oder Wiesenkümmel getestet.

Mit Weidehaltung beim Konsumenten punkten

Draußen wiederum messen andere Kollegen, welche Klimagase in welchen Mengen eine Weide abgibt - vor allem aber bindet. Letzteres macht die Weidehaltung zur ökologischen Wirtschaftsform. Auf der anderen Seite aber produziert ein mit überwiegend Gras gefüttertes Rind mehr Methan in seinem Pansen. Wie viel genau und um wie viel sich das sich mit jüngerem Grasfutter reduzieren lässt, soll auch in dem Projekt herausgefunden werden. Durch eine verbesserte Nutzung der Milchkühe für die Fleischproduktion ließe sich der Klimagas-Abdruck ebenfalls verringern. Dafür züchtet der Lindhof andere Rassen in die Jersey-Rinder mit ein.

Das Projekt ökoeffiziente Weidemilcherzeugung könnte also vieles anstoßen. „Der Wegfall der Quoten und der extreme Preisverfall der Milch führen zum Umdenken, das merken wir auch an den steigenden Besucherzahlen, vor allem auch von konventionellen Landwirten“, sagt Ralf Loges.

Die Preise für Biomilch sind von der Milchkrise nicht betroffen. Nicht alle Milchbauern aber passen in die Bio-Nische. Die konventionelle Weidehaltung würde ihnen helfen, ihre Kosten zu reduzieren und neue Vermarktungswege zu gehen, mit dem Hinweis auf die ökologischen Vorteile sowie auf die Qualität der Milch. Die goldgelbe Butter aus Irland zum Beispiel ist sehr beliebt. Die ansprechende Farbe und Konsistenz hat diese dank der Weidehaltung, durch die der Anteil ungesättigter Fettsäuren in der irischen Milch hoch ist.

„Aber unabhängig von der Ökonomie zählt doch auch das Ganze.“ Ralf Loges blickt über die blaugraue Ostsee und die bunten Weiden. Und über seine Jersey Girls, die darauf zufrieden grasen. Das hat er Recht.

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