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Ausbildung für eine grüne Zukunft

Die Gegenwart ist geprägt von sich schnell ändernden Koordinaten. Davon bleiben auch die Berufe im grünen Bereich, ob nun Land- oder Forstwirt oder Gärtner, nicht unberührt. Moderne Kommunikationstechnologien, fortschreitende Digitalisierung und der rasante technologische Fortschritt verändern das Arbeiten auf den landwirtschaftlichen Betrieben.

Interview

Ein Landwirt muss wissen, wie ein Terminmarkt funktioniert.

Jan Peters ist Gründer und Herausgeber des Informationsdienstes agrarfax.de, Korrespondent der Agrarzeitung und liefert für Reuters Hamburg, Dow Hones Newswire London sowie die Vereinigten Wirtschaftsdienste (VWD) Frankfurt täglich aktuelle Agrarinformationen.

"Die Matif in Paris ist die wichtigste Börse, an der sich die Erzeugerpreise in jedem Land Europas orientieren."

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Flur und Furche: Warum wird die professionelle Getreidevermarktung für den Landwirt immer wichtiger?

Jan Peters: Für die Landwirte wird es immer wichtiger, das Getreide zum richtigen Zeitpunkt zu verkaufen. Die Informationen über das Wetter und damit über das Angebot bestimmen in der Regel das Preisniveau. Statistische Zahlen über die Lagerbestände und das Nachfrageverhalten wichtiger Käuferländer sowie Reaktionen der Spekulanten darauf, haben einen erheblichen Einfluss auf die Preise. Zudem ist die Entwicklung der Wechselkurse und der Transportkosten ein wichtiger Gradmesser für das Preisniveau. Nur mit einer professionellen Getreidevermarktung erzielt der Landwirt in einem Wirtschaftsjahr höchstmögliche Erlöse.

Was sind die hauptsächlichen Einflussfaktoren auf den Preis?

Auf der Angebotsseite sind die Entwicklung der Erträge und der Flächenentwicklungen wichtige Komponenten. Änderungen bei solchen Fundamentalfaktoren bewirken Veränderungen der Trends bei Angebot und Nachfrage und führen damit auch langfristig zu Auswirkungen auf die Preise.

Gelten diese Faktoren für alle EU-Länder gleich oder gibt es Unterschiede?

Europas Getreidebauern blicken zur Warenterminbörse Euronext (Matif). Dies ist die wichtigste Börse in Europa, an der sich die Erzeugerpreise in jedem Land Europas orientieren. Vor allem Weizen und Mais zählen zu den am häufigsten gehandelten Agrarprodukten an der Matif, aber auch der Rapspreis der Matif findet große Beachtung. Die weltweit wichtigste Terminbörse für Getreide, darunter Weizen, Mais, Reis, ist die Chicago Board of Trade in USA. Der Kurs wird dort in der Einheit Cent/Bushel bestimmt. Die höchsten Preise für Getreide werden meistens in den Seehäfen bezahlt. Es gibt aber auch Zeiten, da bestimmt die Mischfutterindustrie in Südoldenburg mit einem monatlichen Kaufvolumen von ca. 275.000 t Futtergetreide das Preisniveau. In Frankreich ist dies der Seehafen Rouen. In Deutschland notieren die höchsten Kurse in der Regel in den Häfen Hamburg und Rostock. Je nach Entfernung zu diesen Seehäfen errechnen sich die Frachtprämien und damit die Erzeugerpreise für den Landwirt.

Ist der Markt volatiler als früher?

Den Schutz des Staates bei der Findung der Erzeugerpreise in der Landwirtschaft, so wie er in den 90er Jahren durch den so genannten Außenschutz und durch die Intervention in Europa gegeben war, gibt es nicht mehr. Heute sind die Landwirte mit ihren Erzeugnissen direkt an die Weltmärkte gekoppelt. Die Kaufidee einer Getreidemühle in Ägypten für Weizen, abzüglich der Fracht- und Umschlagskosten, ist das was beim Landwirt als Preis ankommt. An manchen Regionen bestimmen die Mühlen und die Mischfutterwerke die Kursrichtung. Für die Einschätzung der künftigen Marktsituation sind gute Informationen über die Ausgangslage daher notwendig. Das weltweite Bevölkerungswachstum und das steigende Pro-Kopf-Einkommen werden zu einer steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und auch Weizen führen. Insbesondere die steigende Nachfrage in China und Indien nach Weizen und anderen landwirtschaftlichen Rohstoffen wird mittelfristig zu steigenden Preisen führen müssen.

Was sind die drei wichtigsten Dinge, die ein Landwirt für eine erfolgreiche Vermarktung beachten muss?

Für eine erfolgreiche Vermarktung ist es für einen Landwirt zum einen wichtig zu erkennen, was ein Terminmarkt ist. So gibt es beispielsweise heute einen Weizenpreis für eine sofortige Lieferung, einen Preis für die Lieferung – neue Ernte – im August, es gibt einen Preis für die Lieferung im November und es gibt einen Preis für die Lieferung im Februar 2018. Beim Beobachten dieser Preise sollte der Landwirt immer zum jeweils höchsten Stand eine Teilmenge verkaufen. Wenn er also lagern kann, macht es nicht unbedingt Sinn, den Erntepreis zu nutzen, sondern er sollte eventuell den Preis für Februar 2018 nutzen.

Zum Zweiten muss der Landwirt in Stimmungen hinein verkaufen. Wenn zum Beispiel der Exportmarkt anspringt, wenn Algerien und Ägypten große Mengen in Deutschland kaufen, und der Handel fragt Ware nach, dann sollte er möglichst in diese Nachfrage-Stimmung hinein Ware verkaufen.

Als Drittes muss der Landwirt immer beobachten, wie die Prämien, also die Differenz zwischen Börsennotierung und Geldkurs im Seehafen, sind. Wenn im Seehafen mehr bezahlt wird als die Matif-Börse notiert, dann ist es immer ein Zeichen für ihn, zu verkaufen. Dann ist die Kauflaune der Händler gut und die Prämie sichert ihm seinen Erlös.

Grundvoraussetzung für eine möglichst profitable Getreidevermarktung ist aber die Möglichkeit, zu lagern?

Richtig. Diese Diskussion gibt es schon seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft: Schafft der Landwirt selbst Lagerraum oder lagert er bei einem Handelspartner ein. Lagert er selbst ein, kann er die Preise verschiedener Handelspartner vergleichen und das beste Angebot nutzen. Das Lagern beim Handel ist in der Regel günstiger als eigenen Lagerraum zu schaffen, ein eigenes Lager gibt dem Landwirt dagegen einen größeren Handlungsspielraum bei der Vermarktung. Allerdings war gerade in den letzten Jahren die Preisentwicklung nach der Ernte zu niedrig, um die Investition in eigenen Lagerraum zu amortisieren.

In weiten Teilen Deutschlands muss der Landwirt aus meiner Sicht nicht selbst an der Börse handeln, Landhandel und Genossenschaften übernehmen dies für ihn als Dienstleistung der aufnehmenden Hand. Sein Landhändler kann ihm zu jedem Zeitpunkt einen Preis für sein Getreide nennen, auch für die Zukunft. Außer in den südlichen und südwestlichen Bundesländern bietet der Handel den Erzeugern verschiedene Vermarktungsmodelle an. In Ostdeutschland kann der Landwirt inzwischen in allen Regionen mit Landhandel und Genossenschaften Terminkontrakte schließen und hat damit die Möglichkeit, höhere Preise in der Zukunft abzusichern

Wie sehr beeinflusst die Betriebsgröße die Vermarktungsstrategie, und ab wann lohnt sich eine externe Beratung?

Die Größe eines Betriebes bzw. die Angebotsmenge, die ein Betrieb dem Markt zur Verfügung stellt, hat keinen Einfluss auf den zu erzielenden Preis. Das heißt, ein 100 ha-Betrieb erzielt keine schlechteren Preise als ein 4.000 oder 5.000 ha-Hof. Der Landwirt eines größeren Betriebes kann oftmals eher den Schwerpunkt auf die Vermarktung setzen, weil er für die täglichen Aufgaben einen Betriebsleiter hat, und er hat dann mehr Zeit und Geduld, sich mit den Märkten auseinanderzusetzen. Externe Unterstützung kann gerade kleineren und mittleren Betrieben bei der Entscheidungsfindung helfen, um zum bestmöglichen Zeitpunkt zu verkaufen.

Welche Rolle spielt das Bauchgefühl bei einer Verkaufsentscheidung?

Alle Akteure, die an den Agrarmärkten aktiv sind, brauchen Preisprognosen für eine systematische Entscheidungsfindung. Nur so lässt sich ein optimaler Verkaufszeitpunkt innerhalb der Saison finden. Es bleibt die Frage, wie gut sind nun die Prognosen. Es ist grundsätzlich empfehlenswert, drei bis vier Mal im Jahr eine Teilmenge an Getreide und Ölsaaten auf Termin zu vermarkten. Dann erreicht man in der Regel immer das höchstmögliche Preisniveau. Eine gehörige Portion Bauchgefühl ist für diese Entscheidungsfindung wichtig, das Bauchgefühl kommt aber von der Nachfrage, also wenn der Markt in Stimmung ist und wenn Nachfrage da ist.

Weitere Informationen vom Handelsexperten Jan Peters

Düngermarkt

Neben dem Vorverkauf der neuen Ernte in Teilmengen ist es ebenfalls wichtig, die Betriebsmittel, in diesem Fall die Düngermengen, für die neue Saison über Vorkäufe zu sichern. Über einen derart abgesicherten Verkauf und Einkauf kann man möglichst genau die angestrebte Gewinnmarge absichern, die man für die neue Saison braucht.


Europäischer Vergleich


Deutschland:

In Deutschland wird ein deutlich besserer Weizen mit 12,5 %, auch mal 13 % Protein als in anderen europäischen Ländern erzeugt. Dieser Weizen geht in Länder wie Saudi Arabien, Iran, Algerien oder auch Südafrika. Der Export wird überwiegend über die Seehäfen Hamburg und Rostock abgewickelt. Ostdeutschland hat die vielleicht effizienteste Getreideproduktion und -vermarktung weltweit. Hier sind die großen Betriebe, es gibt ausreichende Niederschläge, es werden hohe Erträge erzielt. Und es gibt mit Rostock einen Überseehafen, wo jede Menge, mit jeder Qualität, in jeder Schiffseinheit zu jedem Zeitpunkt verladen werden kann.
Die ca. 5.000 Betriebe in Ostdeutschland mit mehr als 300 ha Anbaufläche pro Betrieb im Schnitt vermarkten die Ernte in Teilmengen auf Termin, um Preise abzusichern. Diese Betriebe haben oftmals auch Lagermöglichkeiten und sind damit deutlich professioneller in der Vermarktung als kleinere Betriebe in Westdeutschland. Aber auch für diese Betriebe würden sich Teil- und Vorverkäufe lohnen. Es ist eher eine Frage der Mentalität, sich an diese modernere Vermarktungsstrategie zu gewöhnen und sie zu nutzen.
Nirgends in Europa ist der Wettbewerb im Handel so groß wie in Deutschland. In Rostock gibt es beispielsweise sechs, sieben verschiedene Käufer, die selbst exportieren. Jeder Landwirt hat in der Regel vier bis fünf Agrarhändler vor Ort, die untereinander im Wettbewerb stehen, so dass er immer eine Auswahl hat, um den besten Preis zu erzielen.

Frankreich:

Frankreich ist wichtigster Weizenerzeuger der EU-28, produziert aber nur einen normalen Brotweizen mit ca. 11 % Protein. Hauptabnehmer sind die nordafrikanischen Länder. Der Export ist stark auf den Atlantikhafen Rouen ausgerichtet, die ganze Logistik ist dorthin orientiert. Die Matif ist die entscheidende Warenterminbörse.


Polen:

In Polen ist die Landwirtschaft sehr klein strukturiert. Die Preisfindung richtet sich auch nach der Matif. Polen hat kaum Exporte, importiert auch gelegentlich und benötigt die eigene Produktion eigentlich für die Versorgung der eigenen Bevölkerung. Die Aufnahme der Getreideerzeugung im Lande erfolgt durch den örtlichen Landhandel und den Genossenschaften.


Großbritannien:

Produziert einen reinen Futterweizen, der in andere europäische Länder exportiert wird. Die Mühlen importieren Brotweizen aus Deutschland, den sie mit den eigenen Weizensorten von geringerer Qualität mischen, um die benötigten Backqualitäten zu erreichen.


Export:

Der wichtigste Exporthafen für europäisches Getreide ist der rumänische Schwarzmeerhafen Constanza. In Hamburg und Rostock liegen die jährlichen Getreideexporte bei jeweils rund 2 bis 2,5 Mio. t. in Constanza werden 11 Mio. t umgeschlagen. Alle großen, internationalen Handelshäuser haben daher Dependancen in Constanza. Das Getreide kommt beispielsweise aus Österreich, Serbien, Rumänien, Ungarn, wird über die Donau nach Constanza transportiert und von dort aus in die Welt exportiert. Von Constanza aus sind die Hauptimportländer im Nahen Osten zu viel günstigeren Frachtkosten zu erreichen als von den nördlichen Seehäfen. Von den Umschlagsmengen ist die Rangfolge der europäischen Häfen Constanza – Rouen – Hamburg – Rostock.


Konkurrenz:

Die größte Konkurrenz für europäische Getreideexporte sind die Staaten Russland, Ukraine und Kasachstan. Diese drei Länder stellen momentan 27 % der weltweit gehandelten Getreidemenge zur Verfügung. Gute Ernten und günstige Währungsbedingungen in diesen Ländern bedeuten einen Dämpfer für die europäischen Exporte.


Logistik:

Eine gut funktionierende Logistik spielt für den Getreidehandel natürlich eine entscheidende Rolle. Landwirte in Sachsen und Thüringen profitieren beispielsweise von einer Bahnlinie, die große Hamburger Handelshäuser aufgebaut haben. Bisher wurde Getreide aus Sachsen und Thüringen per Lkw in die Seehäfen verfrachtet, oder mit dem Schiff über die Elbe. Die Elbe hat aber nur wenige Monate im Jahr ausreichend Wasser für die Frachtschifffahrt, so dass die Schiffe oft nicht fahren können. Findige Kaufleute in Hamburg haben nun eine Eisenbahnlinie von Pirna, bei Dresden, bis zum Hamburger Hafen geschaffen. In Pirna wird Getreide geladen: Raps, Gerste, Weizen für den Export. Täglich wird nun Getreide per Zug von Pirna nach Hamburg transportiert sowie Sojaschrot von Hamburg nach Pirna. Durch diese neue Bahnverbindung haben sich die Logistikkosten um mindestens 30 % verringert, was um 30 % höhere Erzeugerpreise in Sachsen und Thüringen bedeutet.

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