Land und Leben   20. Februar 2020

Auch künftig entscheidet ein Landwirt, kein Informatiker

Precision Farming heißt ein neuer Studiengang an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Der kombiniert klassische Agrarwissenschaften mit moderner Datentechnologie. Wie das genau funktioniert und was das den Studierenden bringt, erklärt Studiengangsleiter Prof. Burkhard Wrenger im Gespräch.

Interview: Julia Stolte / Fotos: TH Ostwestfalen-Lippe

Der Studiengang Precision Farming kombiniert Agrarwissenschaften mit Informatik und betriebswirtschaftlichen Grundlagen

Studierende des Studiengangs Precision Farming kombinieren Agrarwissenschaften mit Informatik und betriebswirtschaftlichen Grundlagen.

Herr Prof. Wrenger, Sie unterrichten in Höxter Precision Farming. Wie entstand die Idee, den Studiengang ins Leben zu rufen?

Mitte 2017 überlegte ich gemeinsam mit dem Hochschulpräsidenten, wie man den Hochschulstandort Höxter weiterentwickeln kann. Auf der Suche nach passenden Studiengängen sind wir relativ schnell auf den Bereich Agrar gekommen. Uns war aber klar, dass es keinen Sinn ergibt, einen klassischen agrarwissenschaftlichen Studiengang anzubieten. Dafür gibt es in der Umgebung bereits einige gute Fachhochschulen und Universitäten.

Der Studiengang basiert auf drei Säulen: Agrarwirtschaft, Informatik und hochautomatisierte Landmaschinentechnik.

Prof. Burkhard Wrenger leitet den Studiengang Precision Farming

Prof. Burkhard Wrenger leitet den Studiengang Precision Farming an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

Parallel führte ich Gespräche mit Landwirtschaftsbetrieben, mit der Landwirtschaftskammer und Landmaschinenherstellern. Das brachte mich auf die Idee, einen Studiengang auf die Beine zu stellen, der auf drei Säulen basiert: Agrarwirtschaft und Informatik kombiniert mit hochautomatisierter Landmaschinentechnik. So ist der Studiengang Precision Farming entstanden.

Warum braucht es diesen Studiengang?

Wir tragen damit den Veränderungen in der Landwirtschaft Rechnung. Als ich Vertretern der Landwirtschaftskammer und Landwirten erläutert habe, wie wir uns den Studiengang vorstellen, habe ich damit gerechnet, dass sie sehr skeptisch reagieren. Aber sie haben sofort genickt und gesagt, genau das brauchen wir in den nächsten Jahren! Das Bewusstsein und der Bedarf waren also durchaus schon da.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Inhalte für den Studiengang zusammengestellt?

Ich bin der Auffassung, dass in der Landwirtschaft auch in Zukunft ein Landwirt die Entscheidungen treffen wird und kein Informatiker. Im Kern ist Precision Farming also ein agrarwissenschaftlicher Studiengang und dementsprechend haben wir auch die Lehrveranstaltungen aufgebaut. In der heutigen Zeit ist es aber auch notwendig, dass der Landwirt sich mit den vielen Daten und Informationen beschäftigt, über die etwa seine Maschinen kommunizieren.
"Ich bin der Auffassung, dass in der Landwirtschaft auch in Zukunft ein Landwirt die Entscheidungen treffen wird und kein Informatiker."
Darum sollte eine grundlegende Informatikkompetenz für geografische Informationssysteme, die ortsbezogene Darstellung und Nutzung von Daten und moderne Data-Science-Verfahren vermittelt werden, um die verfügbaren Daten auch passend aufbereiten und nutzen zu können. Wir bieten beispielsweise auch die Möglichkeit, einen Drohnenführerschein zu machen. 

Hinzu kommt der dritte Bereich, in dem die Studierenden lernen, wie die hochtechnisierten Landmaschinen heute funktionieren. Und wie sie diese für die teilflächen- und bedarfsspezifische Bewirtschaftung einsetzen können. Das sind die drei Hauptsäulen. Es gibt daneben noch einen Querschnittsbereich, der Themen wie Existenzgründung, BWL und Digitale Prozesse umfasst. 


Wie sammeln die Studierende praktische Erfahrungen?

Wir haben einen großen Block an interdisziplinären Projekten, in denen wir auch gerne Fragestellungen aus Landwirtschaftsbetrieben oder von Landmaschinenherstellern bearbeiten. Da entstehen dann auch mal ungewöhnliche Lösungen, weil die jungen Menschen nochmal eine ganz andere Perspektive auf das Thema Landwirtschaft haben.

Wir erhoffen uns von diesem Austausch, dass gute Ideen in beide Richtungen laufen, aber auch, dass gute Verbindungen zwischen den Studierenden und den Unternehmen entstehen. Vielleicht finden sie so spannende Betriebe für ein Praxis- oder Auslandssemester – oder für den späteren Berufseinstieg.

 

Studierende des Studiengangs Precision Farming arbeiten in Kleingruppen auf dem Feld.

Ausgestattet mit Wetterstationen, intelligenten Insektenfallen oder Drohnen, gehen die Studierenden raus aufs Feld. In Kleingruppen diskutieren und bewerten sie die gesammelten Daten im Anschluss.

Wie kommt der Studiengang bisher an?

Wir haben im Augenblick knapp 20 Studierende pro Jahr. Es würde mich freuen, wenn wir es in den nächsten auf 40 Studierende pro Jahr schaffen. Die vergleichsweise geringe Zahl von Studierenden bietet uns aktuell allerdings die Möglichkeit, nicht nur die Stärken des Studiengangs, sondern auch die Verbesserungspotenziale zu diskutieren. Außerdem funktionieren praktische Aufgaben in kleineren Gruppen besser. 


Welchen Hintergrund haben die Studierenden?

Etwa 60 Prozent haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund. Wir haben aber auch Studierende, die Informatik studiert, dann aber festgestellt haben, dass sie einfach mehr draußen sein möchten und Landwirtschaft als Anwendung spannend finden. Auch Studierende, die bisher keinen Bezug zur Landwirtschaft hatten, sind mit dabei. Also bunt gemischt. 


Sehen Sie die Chance, durch einen Studiengang wie Precision Farming auch die Attraktivität für landwirtschaftliche Berufe zu erhöhen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist wichtig, das Bild des Landwirts und seiner Tätigkeit nochmals besser und aktueller rüberzubringen. In der Bevölkerung herrscht teilweise noch eine sehr altbackene Vorstellung. Die tollen Möglichkeiten, die man in so einem Beruf hat, sind den meisten gar nicht richtig bewusst. Das wollen wir mit unserem Studiengang ändern.